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Künstliche Intelligenz

„Menschen könnten mehr Freizeit haben“

von Judith Blage,
Foto: Dmitry Mashkin/Unsplash

Die Roboterpsychologin Martina Mara erforscht, warum sich so viele Menschen in Europa vor künstlicher Intelligenz fürchten. Sie glaubt: Die Technologie kann unser Leben verbessern, wenn wir die Entwicklung mitbestimmen. Ein Gespräch über alte Ängste und neue Arbeitsweisen.

21. August 2019

Martina Mara: Jetzt wollen Sie bestimmt von mir hören, welche psychische Störung ich beim Terminator diagnostizieren würde. Das wollen alle wissen.

Eigentlich war das nicht meine erste Frage. Aber legen Sie mal los.

Der Terminator ist Science-Fiction. Echte Roboter, egal wie modern sie sind, haben kein Bewusstsein und keine Psyche. Deshalb therapiere ich keine Roboter, und mein Sofa hier im Büro ist kein freudsches Therapiesofa.

Was machen Sie denn dann?

Ehrlich gesagt habe ich den Titel Roboterpsychologin geklaut. In den Kurzgeschichten des Science-Fiction-Autors Isaac Asimov gibt es die Roboterpsychologin Susan Calvin, die sich der Neurosen und Probleme humanoider Roboter annimmt. Bei mir ist es aber eher andersherum. Meine wissenschaftliche Arbeit handelt davon, wie Menschen Roboter und künstliche Intelligenz erleben und wie sie gestaltet werden müssen, dass Menschen sie akzeptieren. In der Zukunft werden mehr Maschinen Teil unseres Lebens sein, ob das nun Alexa im Wohnzimmer oder das selbstfahrende Auto ist. Mein Anliegen ist es, menschliche Bedürfnisse inmitten der aktuellen technischen Transformation in den Mittelpunkt zu stellen und herauszufinden, wie wir eine sinnvolle und ergänzende Gemeinschaft hinkriegen. Außerdem erforsche ich, warum Menschen Angst vor Robotern haben.

Haben wirklich so viele Menschen Angst vor Maschinen und künstlicher Intelligenz?

Ja. Ich zitiere gerne die repräsentative Erhebung der Europäischen Kommission, bei der die Leute gefragt wurden, in welchen Aufgabenbereichen sie Roboter einsetzen würden. 27.000 befragte Europäer gaben an, in der Weltraumforschung wären diese Roboter in Ordnung. Das sagt über die Haltung der Menschen viel aus, denn: Weiter weg als der Weltraum geht nun wirklich nicht. In den Bereichen, die uns Menschen als soziale Wesen definieren, ist die Akzeptanz gegenüber Robotik am geringsten. Also zum Beispiel in der Altenpflege oder in der Kinderbetreuung. Außerdem gibt es einen Zusammenhang zwischen der Menschenähnlichkeit eines Roboters und der emotionalen Reaktion des Menschen. Sind Roboter zu menschenähnlich, erschweren zum Beispiel Silikonhaut und künstliches Haar die Unterscheidung, werden sie den Leuten sehr schnell unheimlich. Der Roboter kann Kopf und Augen haben, muss aber klar als Maschine erkennbar sein. Den Gruseleffekt konnte ich sehr oft live bei meiner Arbeit am Linzer Futurelab erleben, wo wir humanoide Roboter ausgestellt hatten: Die Leute sind regelrecht zurückgeschreckt.

Woher kommen diese Ängste?

Meiner Erfahrung nach ist diese Angst auch kulturell bedingt. In Japan scheinen die Menschen weniger Furcht vor Robotern zu haben als in Europa. Ein Erklärungsansatz liegt in den religiösen Traditionen von Animismus und Shintoismus, in denen das Konzept beseelter Dinge üblich ist. In Japan habe ich Statuen von Anime-Robotern gesehen, die höher waren als die Pallas Athene vor dem Wiener Parlament. Es gibt viele Geschichten von guten und hilfreichen Robotern. Im Westen hingegen gibt’s den Terminator. Vor allem aber schürt die öffentliche Repräsentation von Robotik und künstlicher Intelligenz Ängste, weil sie mit Stereotypen arbeitet. Medien illustrieren das Thema meistens mit hochgradig menschenähnlichen Androiden und vermitteln damit, dass der Mensch als gesamtes Wesen durch Technologie ersetzt werden könnte. Das ist reine Mythologie. Künstliche Intelligenz kann sehr viele Dinge nicht, die Menschen können, und sie ist auch nicht mit Menschen vergleichbar.

Martina Mara, 37, ist Professorin für Roboterpsychologie am Linz Institute of Technology der Johannes Kepler Universität Linz und Mitglied des Roboterrats der österreichischen Bundesregierung.
Foto: © Paul Kranzler

Immerhin hat Stephen Hawking davor gewarnt, künstliche Intelligenz könnte die Menschheit eines Tages auslöschen; andere Experten warnen vor einer Massenarbeitslosigkeit. Ist also die Angst der Menschen nicht ein bisschen berechtigt?

Es gibt da gerade ein absurdes Hin und Her zwischen Leuten, die eine Dystopie voraussagen, und anderen, die glauben, künstliche Intelligenz werde alle Probleme der Menschheit lösen. Ich denke, mit solchen extremen Prognosen kann man nur falschliegen. Allerdings gibt es tatsächlich Probleme, die wir bei der aktuellen technischen Entwicklungsgeschwindigkeit nicht aus den Augen verlieren dürfen: Zum Beispiel sind die Daten, aus denen ein selbstlernender Algorithmus lernt, allesamt von Menschen gemacht und kuratiert. Vor dem System selbst muss deshalb niemand Angst haben, eher davor, wie einzelne Menschen oder Firmen sie nutzen.

In welchen Fällen kann das Probleme bereiten?

Firmen wenden in ihren Personalabteilungen schon jetzt Algorithmen an, um Bewerber zu sortieren und schneller entscheiden zu können, wer zu einem ein Vorstellungsgespräch eingeladen wird oder nicht. Diese Systeme lernen aus Millionen unserer Texte mitsamt all unserer Stereotype. Eine künstliche Intelligenz hält uns also einen Spiegel vor und zementiert gesellschaftliche Zustände. Zum Beispiel kann das System Frauen aussortieren, wenn es um den Posten eines Softwareingenieurs geht. Einfach weil es aus unseren Daten lernt, dass Frauen offenbar seltener Ingenieure sind. Amazon ist das gerade mit einer hauseigenen Software passiert. Die mussten den Algorithmus feuern.

Dennoch plädieren Sie dafür, Robotik und künstliche Intelligenz positiv zu betrachten. Warum?

Ich plädiere vor allem dafür, sie realistischer zu betrachten. Wir sollten nicht in Furcht verharren und damit die Chance verpassen, die Richtung der Entwicklung zu bestimmen. Es gibt viele Bereiche, in denen die neuen Technologien eine große Chance sind. Interessanterweise bieten sie vor allem dann einen Vorteil, wenn Menschen und Maschinen einander ergänzen. Zum Beispiel in der medizinischen Diagnostik von Röntgenbildern hat sich gezeigt, dass die Kombination aus der Erfahrung eines Mediziners und aus der Datenanalyse einer künstlichen Intelligenz unschlagbar ist. Auch in der Pflege von alten Menschen könnte die Robotik eine Entlastung bringen. Allerdings nicht als streichelnder und Zuneigung simulierender Android, sondern zum Beispiel als Exoskelett, das Pflegern beim schweren Heben den Rücken stützt, oder als Transportroboter, der Wäsche von A nach B bringt. Das Pflegepersonal muss sich dann nicht mehr den Rücken ruinieren und hätte mehr Zeit für das, was Menschen immer besser können werden als Maschinen: sozial sein.

Welche Zukunftsvision mit künstlicher Intelligenz schwebt Ihnen vor?

Einerseits kann uns künstliche Intelligenz dabei helfen, energieeffizienter zu leben und weniger Müll zu verursachen, sodass wir unsere Umwelt weniger belasten. Andererseits hat die Automatisierung ein großes Potenzial für unser Wohlbefinden: Menschen könnten mehr Freizeit haben. Maschinen können Jobs übernehmen, die für Menschen eigentlich unzumutbar, gefährlich oder sterbenslangweilig sind. Wir müssen nur dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft und unsere Arbeitswelt dann anders organisiert sind, dass Menschen dann andere Jobs und Arbeitskonzepte haben. KünstIiche Intelligenzist nicht der blöde, scheinempathische Humanoid, der mir den Rücken streichelt und Freddy Quinn spielt, wenn es mir schlecht geht. So wird ja die Zukunft der künstlichen Intelligenz fälschlicherweise oft dargestellt. Aber wenn Menschen durch künstliche Intelligenz und Robotik mehr Zeit hätten, anderen den Rücken zu streicheln, wäre das doch super.

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