Geförderte Projekte

Ein Start-up gegen die Angst

von Daniel Erk
Fotos: Robert Rieger

Die Stiftung Grundeinkommen unterstützt den Verein „Sanktionsfrei“ bei seiner Pilotstudie, die 250 Hartz-IV-Beziehern drei Jahre lang die finanziellen Sanktionen erstattet. Ein smarter Hack, mit dem die Grundeinkommen-Forschung wichtige Erkenntnisse gewinnen kann: etwa welche Potenziale ein Sozialsystem hat, das auf Vertrauen statt Bestrafung setzt.

01. August 2019

Alles in diesem Büro verheißt Start-up: große zusammengeschobene Schreibtische, mit Stickern verzierte MacBooks und hippe wiederverwendbare Wasserflaschen mit lustigen Aufdrucken. Dazu Regale aus unbehandeltem Holz und alten Fensterrahmen und ein Whiteboard, auf dem in Rot und Schwarz die To-dos der nächsten Woche stehen.

Doch das, was an den Schreibtischen in diesem Klinkerbau in Berlin-Neukölln zwischen ehemaliger Kindl-Brauerei und Arbeitsagentur unweit  der Hermannstraße entwickelt wird, vermehrt weder Investitionen noch drückt es neue Apps oder Onlineshops in den Markt. Trotzdem wird auch hier ähnlich disruptiv und revolutionär gedacht wie bei den kommerziellen Brüdern und Schwestern, was einer der Gründe ist, warum die Stiftung Grundeinkommen den gemeinnützigen Verein „Sanktionsfrei“ bei diesem Projekt unterstützt.

Helena Steinhaus, Geschäftsführerin von „Sanktionsfrei“

Ein Hartz IV ohne Sanktionen

Das Ziel des Teams um Helena Steinhaus, Aseman Golshan Bahadori, Thomas Kuhnert, Robert Müller und Leonie Schwinn ist es, Hartz IV menschlicher, fairer und effektiver zu machen. Sie sind überzeugt, dass eigenmotivierte Menschen, die nicht von Sanktionen und Bürokratie drangsaliert werden, freier und dadurch besser entscheiden können, wie sie aus Hartz IV wieder herauskommen und wie sie ihr Leben insgesamt gestalten wollen. Als „Sanktionsfrei“ 2016 startete, trieb der Verein über Crowdfunding mehr als 110.000 Euro ein, um Hartz-IV-Beziehern in Rechtsstreits mit der Arbeitsagentur beizustehen. Mit dem neuen Projekt will „Sanktionsfrei“ aber nicht mehr die gröbsten Fehlentscheidungen von Hartz IV korrigieren, sondern diese Sanktionen selbst abschaffen, zumindest probeweise, in einem ambitionierten Pilotprojekt samt wissenschaftlicher Auswertung.

Und obwohl es vor allem um Hartz IV geht, ist dieses Projekt für die Stiftung Grundeinkommen relevant, da es sehr schwierig und sehr teuer ist, Grundeinkommen wissenschaftlich in einem einzigen Projekt in einem industrialisierten Land zu untersuchen: „Häufig ist es für uns klüger, uns einzelne Aspekte anzusehen“, sagt Mansour Aalam, Geschäftsführer der Stiftung, da man so auch von Experimenten und Studien lernen könne, in denen es nicht explizit um das Grundeinkommen gehe. „Dieses Projekt ist für uns besonders interessant, weil es durch einen Hack das bestehende System der Grundsicherung nutzt und durch den Ausgleich eine Art Bedingungslosigkeit herstellt.“ Ein Paradigmenwechsel von Druck zu Vertrauen, wie Aalam sagt, der die Sanktionen auf wirkungslos mache. Auch für die Grundeinkommen-Forschung ein wichtiger Aspekt, da so mitgetestet wird, wie sehr existenzieller Stress Gesundheit und kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.

Das Pilotprojekt des Vereins „Sanktionsfrei“ läuft drei Jahre lang

Drei Jahre lang wird der Verein „Sanktionsfrei“ im Rahmen eines durch Crowdfunding und Stiftungsgelder (Stiftung Grundeinkommen) finanzierten Pilotprojekts insgesamt 250 Menschen Garantien gegen Sanktionen bieten. Komplett und bedingungslos. Die Teilnehmer können frei entscheiden, welche Angebote der Arbeitsagentur sie wahrnehmen und welche nicht. Somit wird ein Zustand hergestellt, den es auch mit Grundeinkommen gäbe, ohne dass dieses tatsächlich ausgezahlt wird. Droht die Agentur mit Strafzahlungen, hilft „Sanktionsfrei“ ihnen mit rechtlichem Beistand, bei Bedarf aber auch mit Geld: „HartzPlus“ eben. Jeder Cent wird dabei erstattet, um das Existenzminimum aufrecht zu erhalten. Als „eine Versicherung gegen Sanktionen“ beschreibt Helena Steinhaus, Geschäftsführerin von „Sanktionsfrei“ das Prinzip:. „Nach gewonnenen Prozessen gegen die Arbeitsagentur geben uns die Probanden das Geld zurück, hier gilt das Solidaritätsprinzip.“

„Wenn wir den Leuten die Angst vor Sanktionen nehmen könnten, würden wir die Lähmung verringern und Potenziale erschließen“, sagt sie. „Wir glauben, dass diese Potenziale größer sind als das, was der Antrieb aus Angst bringt.“ Steinhaus hat den Verein mitgegründet, weil ihre Mutter selbst Hartz IV-Bezieherin war und sie über Bekannte mit dem Projekt „Mein Grundeinkommen“ in Kontakt kam.

Der psychologische Effekt der angedrohten Strafen ist immens, sagt der Wirtschaftspsychologe Rainer Wieland: „Sanktionen sind ein Damoklesschwert. Die Menschen haben das ständig vor Augen, das bringt sie in eine sehr unangenehme Situation, die nicht gerade förderlich ist, um zu motivieren.“ Wieland ist Leiter des Wuppertaler Instituts für Unternehmensforschung und Organisationspsychologie und mit der Konzeption und der Durchführung einer Studie beauftragt, die das Projekt von Steinhaus und ihrem Team wissenschaftlich begleitet.

Diese Begleitung ist ein weiterer interessanter Aspekt für die Stiftung Grundeinkommen, da die Basis der Studie auf dem triadischen Modell der Sozialsysteme beruht, in dem die Haltung, das Verhalten und die Lebensverhältnisse in einen Kontext gestellt werden. Für die Sozialforschung ein vielversprechender Ansatz, da hier ebenfalls psychosoziale und situative Faktoren erfasst werden. „Aus der Forschung wissen wir, dass das Gefühl des Kontrollverlustes, das oft mit der Lebenssituation von Hartz-IV-Beziehern verbunden ist, nicht nur demotiviert, sondern auch zu körperlichen und psychischen Beschwerden führt“, sagt Mansour Aalam”. „Nicht Druck, sondern Vertrauen motiviert die Menschen, stärkt die Eigenverantwortung und trägt dazu bei, ein verantwortungsvolles und selbstbestimmtes Leben mit hoher Lebensqualität zu führen.“

So wurde bisher die jahrzehntelange Forschung aus der Arbeitspsychologie übersehen, die besagt, dass „eine Situation wie Arbeitslosigkeit, Hartz IV und die damit einhergehende subjektive Lage eben nicht geeignet ist, Menschen zu motivieren“, wie Wieland es formuliert. „In Unternehmen ist man bereit, etwas für die Leute zu tun und gute Bedingungen zu schaffen. Bei Hartz IV sagt man: Die müssen das alles selbst machen. Das funktioniert nicht“, sagt Rainer Wieland.

Welchen Effekt haben Strafen auf Hartz-IV-Bezieher?

Nach drei Jahren wollen Wieland, Steinhaus und der Verein herausgefunden haben, welchen Effekt die angedrohten und tatsächlichen Sanktionen auf die Betroffenen wirklich haben: Führt der Druck, wie vom Gesetzgeber gedacht, zu mehr Engagement und zu einem schnelleren Weg in den Arbeitsmarkt? Oder lähmen die angedrohten Strafen, verunsichert die Angst zusätzlich, wie es Rainer Wieland vermutet? „Man weiß aus der pädagogischen Psychologie, aus der ganzen Lehr- und Lernforschung, dass man mit Anreizen besser motivieren kann als mit angedrohten Bestrafungen“, sagt Wieland. Die Sanktionen seien aber die Konsequenz aus einem seltsamen Blick auf Hartz-IV-Bezieher, bei denen die Sorge vor Missbrauch in der öffentlichen Wahrnehmung größer sei als die zielgerichtete Förderung. Aber es geht natürlich nicht nur um die theoretische Erkenntnis. Es geht darum, den öffentlichen Diskurs über Sanktionen und dann hoffentlich auch die Mechanismen von Hartz IV selbst zu verändern, sagt Helena Steinhaus: „Wir wollen nicht nur eine Kritik am System formulieren, sondern auch eine Alternative aufzeigen.“

„Im Grunde“, sagt Steinhaus, „versuchen wir, dieses positive Menschenbild, das man eigentlich allen Menschen entgegenbringt, auch auf Hartz-IV-Bezieher anzuwenden.“ Sie sollen selbst entscheiden dürfen, welche Förderung sie brauchen. Wie ihr Weg dahin aussieht. Ein selbstbestimmteres Leben, geprägt von Vertrauen, wie es auch vielleicht mit einem Grundeinkommen möglich wäre. Und nicht noch mehr Druck. Klingt simpel. Ist es aber überhaupt nicht.

Projektinfo

  • Forschungsschwerpunkt: Empirische Sozialforschung
  • Status: laufend
  • Projektende: 31.03.2020
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