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Prekäre Arbeit

„Die Entwicklung ist verheerend“

von Judith Blage,
Foto: Stocksy

Immer mehr Menschen arbeiten in prekären Jobs, sagt die österreichische Gewerkschafterin Veronika Bohrn Mena: Sie verdienten zu wenig und seien oft nicht einmal versichert. Ein Interview über die Auswüchse des Arbeitsmarkts.

06. November 2019
Frau Bohrn Mena, wer arbeitet in Deutschland in prekären Dienstverhältnissen?

Veronika Bohrn Mena: Gemeint sind Leute, die ein Leben in der gesellschaftlichen Grauzone führen: Sie gehören zwar nicht zu den völlig Abgehängten – aber eben auch nicht zu der Mehrheit der Bevölkerung mit sicherem Arbeitsplatz und weitgehend sorgenfreiem Lebensstandard. Sie haben durchaus Arbeit, müssen aber oft darum bangen, sie auch zu behalten. Sie kommen mehr schlecht als recht über die Runden, Planungssicherheit ist ihnen fremd. Besonders oft sind Frauen betroffen und Menschen mit Migrationshintergrund. Leider wird die Anzahl der Betroffenen immer größer, die Entwicklung ist verheerend.

Warum gerade Frauen?

Sie leisten immer noch den Löwenanteil der Erziehungs- und Familienarbeit, werden dafür aber nicht bezahlt. Denn Familienarbeit gilt in unserer Gesellschaft nicht als Lohnarbeit. Deshalb haben Frauen weniger Zeit, um Geld zu verdienen, sind insgesamt in einer schwächeren Position und arbeiten häufiger atypisch.

Was genau bedeutet es, in einem prekären Dienstverhältnis zu arbeiten?

Rund ein Drittel aller Beschäftigen in Europa arbeiten prekär. Das bedeutet, sie sind Leiharbeiter oder schlagen sich mit Minijobs durch. Diese Art von Arbeit machen oft Menschen mit einem niedrigen Ausbildungsniveau. Aber auch gut Ausgebildete sind zunehmend betroffen: Sie hangeln sich oft von einer befristeten Stelle zur nächsten, machen ständig Praktika oder arbeiten in Teilzeit. Hier ist der Lohn oft so niedrig, dass er nicht zur Deckung des Lebensunterhalts reicht. Eine besonders perfide Beschäftigungsart ist die Arbeit auf Abruf. Menschen müssen also unbezahlt vor dem Telefon sitzen und darauf warten, dass sie zur Arbeit gerufen werden und endlich Geld verdienen können. Sie wissen nie, wie viel Geld sie am Ende des Monats auf dem Konto haben werden.

Veronika Bohrn Mena arbeitet bei der Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp), die Teil des Österreichischen Gewerkschaftsbunds (ÖGB) ist. Sie beschäftigt sich seit knapp zehn Jahren mit dem Phänomen prekäre Arbeit, betreibt einen Blog zum Thema und hat das Buch „Die neue ArbeiterInnenklasse: Menschen in prekären Verhältnissen“ veröffentlicht.
Foto: Michael Mazohl
Ein Drittel aller Beschäftigten arbeiten prekär – das ist ja eine enorm hohe Zahl. Mit welchen Problemen haben diese Menschen zu kämpfen?

Prekär Beschäftigte haben einen unsicheren Job, sind nicht voll sozialversichert, verdienen nur wenig und genießen häufig keinen Kündigungsschutz. Sie zahlen also nur einen geringen Anteil oder gar nichts in ihre Altersvorsorge ein. In einigen Ländern Europas sind die Leute noch nicht einmal krankenversichert. Das hat natürlich verheerende Auswirkungen auf das Sozial- und Rentensystem, weil weniger eingezahlt wird und das Geld am Ende fehlt. Altersarmut ist bei vielen Menschen die Folge. Einige Untersuchungen zeigen, dass atypisch Beschäftigte häufiger krank werden und insgesamt eine geringere Lebensqualität haben als regulär Beschäftigte. Sogar Ehescheidungen sind häufiger. Die Leute leiden unter Unsicherheit und Perspektivlosigkeit. Und leider nimmt die Anzahl atypisch oder prekär Beschäftigter in ganz Europa zu.

Die Arbeitslosenquote ist aber doch sehr niedrig, die wirtschaftliche Lage gilt als sehr gut. Wie kann das sein?

Politisch hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass ein starkes Arbeitsrecht mit einem geregelten Mindestlohn und vielen Schutzregelungen für Arbeitnehmer das Wirtschaftswachstum behindert. Man glaubt, dass es mehr Arbeitsplätze gibt, wenn die Dienstverhältnisse wenig staatlich reguliert werden. Und es gibt tatsächlich auch viele Arbeitsplätze. Aber so ist gerade in Deutschland ein gigantischer Niedriglohnsektor entstanden, in dem viel günstiges Personal ein karges Dasein fristen muss. Eine tiefe Kluft ist entstanden zwischen gut verdienenden Beschäftigten und jenen anderen, die eben keine stabilen Jobs haben.

Welches Ziel haben Sie als Gewerkschafterin?

Ich arbeite dafür, dass es keine Arbeitnehmer zweiter Klasse mehr gibt. Aus meiner Sicht ist es ein Armutszeugnis für das reiche Mitteleuropa, dass in Unternehmen oder sogar in der gleichen Abteilung Mitarbeiter unterschiedliche Rechte haben und unterschiedlichen Regelungen unterliegen. Ein Leiharbeiter beispielsweise hat komplett andere Grundvoraussetzungen und Sicherheiten im Leben als der Angestellte – dabei leisten beide möglicherweise sogar das Gleiche. Das würde ich langfristig gerne abmildern oder abschaffen. Ein Problem ist leider, dass die Unternehmen regulär Beschäftigte und atypisch Beschäftigte gegeneinander ausspielen. Ich höre zum Beispiel häufiger, dass ein Unternehmen an seine Mitarbeiter kommuniziert: Wenn ihr jetzt alle eine Lohnerhöhung wollt, dann müssen wir mehr Freelancer beschäftigen, also Angestellte entlassen. So sehen Mitarbeiter nicht, dass letztlich alle in einem Boot sitzen und es sich zu kämpfen lohnt für allgemeine Arbeitnehmerrechte.

Wäre ein Grundeinkommen hilfreich, um gegen atypische Beschäftigung vorzugehen?

 Aus meiner Sicht sollte eine bedingungslose Mindestsicherung in Europa Standard sein und an das Lohnniveau des Landes angepasst werden. Insgesamt nimmt sie Druck von den Arbeitnehmern. Ein echtes bedingungsloses Grundeinkommen würde helfen, bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen, weil die Leute nicht gezwungen wären, jeden noch so schlechten Job mit fürchterlichen Arbeitsbedingungen anzunehmen.

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