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New Work

Neue Arbeit, neue Tendenzen

von Michael Moorstedt,
Foto: Javier Garcia/Unsplash

Unsere Arbeitswelt verändert sich. Es fehlt vielerorts an Fachkräften, und Arbeitnehmern und Selbstständigen ist eine sinnvolle Beschäftigung oft wichtiger als hervorragende Bezahlung. Sie fordern mehr Freiheit und Unabhängigkeit, die ihnen auch ein Grundeinkommen gewähren könnte. Auf Arbeitgeber kommen so völlig neue Herausforderungen zu.

06. November 2019

Solche Bürokollegen hätte man doch auch gern. Sie haben stets gute Laune, sind angemessen ethnisch divers und sehen natürlich auch noch unverschämt gut aus. Auch wenn es draußen längst Nacht ist, sind sie noch topmotiviert, und hängt doch mal jemand durch, fehlt es nie an aufmunternden Schulterklopfern. Welche geheimnisvollen Projekte wohl auf den Festplatten ihrer schicken Laptops schlummern?

Diese schöne neue Welt der selbstständigen Arbeit existiert natürlich nicht wirklich. Sondern nur in einem Imagefilm der Coworking-Kette We Company. Im realen Arbeitsleben dagegen scheint das Dasein als Freelancer unattraktiv zu sein. So sinkt unter anderem die Zahl der Gründungen in Deutschland seit sieben Jahren und ist auf einem neuen Tiefpunkt angekommen. Wer nicht „selbst“ und „ständig“ sein will, findet oft schnell eine Anstellung. Dabei gibt es Anzeichen dafür, dass sich dieses Verhältnis zwischen Fix- und Freiarbeit vielleicht bald verändern, wenn nicht gar umdrehen könnte.

Wird eine Utopie Wirklichkeit?

Blättert man in den Programmen von Vordenker-Festivals und Ideenkonferenzen, wimmelt es dort vor lauter Veranstaltungen mit Namen wie „Die Evolution der Beschäftigung“, „Der Arbeitsmarkt im 21. Jahrhundert“, „Ein Crashkurs in Empathie und Menschenführung“ oder „Arbeit und ihre Zukunft in einer Zeit radikalen Wandels“. Der Zukunft der Arbeit sieht man hier naturgemäß gelassen entgegen. Die bekannten demografischen Damoklesschwerter werden positiv bewertet: Fachkräftemangel und Überalterung würden am Arbeitsmarkt dazu führen, dass das Machtpendel zu den historisch Schwachen hinüberschwenke – den Arbeitnehmern, den Selbstständigen und Freiberuflern.

Gehen diese Prophezeiungen in Erfüllung, könnte eine alte Utopie endlich Wirklichkeit werden. Schon in den 1980er Jahren formulierte der Philosoph Frithjof Bergmann das Konzept der „New Work“. Da die klassische Lohnarbeit durch die Automatisierung ihrem Ende entgegensehe, müsse die „Neue Arbeit“ zentrale Werte wie Selbstständigkeit, Freiheit und die Teilhabe an Gemeinschaft bieten.

Wenn New Work für Chefs zum Problem wird

Das bedeutet, dass für immer mehr Menschen – gerade solche, die bestens ausgebildet sind – in ihrer Arbeit nicht mehr nur extrinsische Werte wie Status, Gehalt und Aufstiegschancen wichtig sind. Zu den entscheidenden Faktoren gehören Umfragen zufolge eine bessere Work-Life-Balance (47 Prozent der Befragten) und mehr Möglichkeiten, die Arbeitszeit selbstständig einzuteilen (43 Prozent). Doch es geht auch um Sinnhaftigkeit und Identifikationspotenzial an sich. In repräsentativen Studien geben bis zu zwei Drittel der Befragten sogar an, für sinnvolle Aufgaben auf Lohn oder Status zu verzichten. Deshalb korrespondiert das Konzept der „New Work“ auch so gut mit der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Wenn Geld als Motivation für die Arbeit an Wichtigkeit verliere, können die Menschen sich einen Job aussuchen, der für sie Sinn ergibt. Bergmanns Vision einer neuen, menschlicheren Arbeitswelt wurde im Laufe der Zeit immer weiter reduziert. Übrig blieb die simple Parole „Tue nur das, was du wirklich, wirklich willst“. Und genau hier wird die „Neue Arbeit“ zu einem Problem für Auftraggeber. Denn wenn alle nur noch tun, was sie wirklich, wirklich wollen, dann findet man unter Umständen niemanden für eine Aufgabe, die halt wirklich, wirklich nur so mittelmäßig interessant ist. Und was ist eigentlich mit den Jobs abseits der klassischen Selbstverwirklichungsberufe? Es gibt wohl berechtigte Zweifel daran, dass auch ein Straßenreiniger oder eine Pflegekraft tut, was er oder sie wirklich, wirklich will.

Bleiben wir jedoch beim Idealfall, der hochqualifizierten Kreativarbeit: In einer repräsentativen Studie zur Gegenwart der Beschäftigung in Europa gibt die Mehrheit der Befragten an, die für den Erfolg ihrer Karriere benötigten Fähigkeiten zu besitzen. Wer in diesem Segment gute Arbeit leistet, verfügt in der Regel über die finanziellen Ressourcen und das Selbstbewusstsein, einen nicht ganz passenden Auftrag auch mal sausen zu lassen. So wird es für manche Auftraggeber immer schwieriger, kompetente SEO-Experten, freie Projektmanager oder Designer zu finden, die kurzfristiger als ein halbes Jahr im Vorhinein gebucht werden können.

Kurz: Im Ökosystem namens „New Work“ ist der Freiberufler nicht mehr das schwächste Glied in der Nahrungskette. Wie reagieren Unternehmen auf diesen Wandel? Wie können sie eine Arbeiterschaft von global verteilten, auf mehreren Projekten sitzenden Freelancern steuern? Und wie können sie attraktiv für Arbeitnehmer sein, die gewohnt sind, selbstbestimmt über das eigene Leben zu entscheiden?

Neue Arbeit trifft auf Kaffeeküche

Die klassischen harten und weichen Faktoren, die über lange Zeit für eine feste Stelle gesprochen haben, sind für diese neue Spezies von Arbeitnehmer kaum noch ein Argument. Die Work-Life-Balance der Gegenwart hat nicht mehr unbedingt mit einem festen Schreibtisch und einem laminierten Schildchen bei den Posteingangsfächern zu tun. Große Coworking-Ketten wie die eingangs erwähnte We Company bieten inzwischen in jeder größeren Stadt inspirierende Start-up-Atmosphäre und simulieren zugleich die Annehmlichkeiten eines klassischen Beschäftigungsverhältnisses: eine schicke Kaffeeküche, Konferenzräume, Putzkräfte, das eine oder andere Feierabendbier und ein bisschen Gemeinschaftsgefühl – auch wenn man an gänzlich anderen Projekten arbeitet. In manchen Ländern wird sogar eine Sozialversicherung im handlichen Abopaket angeboten.

Was Personaler über neue Arbeit sagen

Fragt man Personalmanager und HR-Experten nach Maßnahmen, um den anspruchsvollen Arbeitnehmer zufrieden zu stimmen, hört man stets ebenso ähnliche wie naheliegende Antworten: Wichtig seien pünktliche Bezahlung und verbindliche Rahmenverträge, Verlässlichkeit, die Aussicht auf regelmäßige Zusammenarbeit mit dem Unternehmen oder etwa Möglichkeiten, die eigenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Die alte Leier. Entsprechend breit- und plattgewalzte Phrasen finden Jobinteressierte auf so gut wie jeder Unternehmenswebsite im Karrierebereich. Neu wäre allerdings, wenn die Realität auf dem Arbeitsmarkt mit den Idealvorstellungen der Arbeitssuchenden übereinstimmen würde. Stattdessen betrachten sich nur zehn Prozent aller Unternehmen in den deutschsprachigen Ländern einer Umfrage zufolge als Vorreiter im Bereich „New Work“.

Dabei müssten Firmen eigentlich mehr denn je auf einen Faktor achten, den Selbstständige schon immer im Blick haben: die eigene Reputation. Das ist heutzutage umso wichtiger, da auf Portalen wie Kununu oder Glassdoor Arbeitnehmer und Selbstständige Unternehmen und Organisationen so gnadenlos und offen bewerten, wie sie es sonst auch von Online-Kaufhäusern oder Dating-Plattformen gewohnt sind. Kurzfristige Aufträge, unklare Projektvorgaben, Funkstille bei Nachfragen, geänderte Deadlines, plötzlich sinkende Honorare und all die anderen unerfreulichen Seiten des Freelancer-Daseins, die es freilich immer noch gibt, wird man sich in Zukunft nicht mehr leisten können, wenn man gute Leute anheuern will.

Natürlich bringt die schöne neue Welt der Arbeit abseits der High-Potential-Utopie auch ihre ganz eigenen Schattenseiten mit sich. Zum Beispiel Uber-Chaffeure, Liferando-Fahrer oder Klickarbeiter, die sich von schlecht bezahltem Mikrojob zu Mikrojob hangeln, oft auch ohne soziale Absicherung. Die negativen Seiten des Freelancer-Tums, des „selbst“ und „ständig“, werden in dieser sogenannten Gig Economy also nicht verschwinden. Sie werden nur automatisiert und weniger sichtbar sein, weil sie sich vor allem im digitalen Raum abspielt. Diese Entwicklung findet im Übrigen nicht nur dort statt, wo vergleichsweise wenig Expertise vorausgesetzt wird, sondern auch in Arbeitsfeldern, die klassischen Wissensarbeitern vorbehalten sind – Designern etwa, Übersetzern oder Textern.

Schöne neue Arbeitswelt

Weil zwischen Auftraggeber und -nehmer noch eine Instanz zwischengeschaltet ist, die freilich einen nicht unerheblichen Anteil der Honorare für sich einbehält, nennt man diese neue Form der Wirtschaft auch Plattformkapitalismus. Die Menschen, die hier ihr Geld verdienen, werden nicht von einem verständnisvollen Projektmanager betreut, sondern von den auf Effizienz gepolten Algorithmen der Start-ups herumgescheucht.

Aus Selbstbestimmung wird anonyme Fernsteuerung.

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