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Langeweile 2.0

Die Flammen der Langeweile

von Wolfgang Westermeier
Foto: Shutterstock

Langeweile hat nicht den besten Ruf. Sie macht krank und schwermütig, gilt vielen als unerträglich. Doch richtig eingesetzt, kann aus ihr Großes entstehen.

06. August 2019

Stellen Sie sich vor, Sie hätten die Wahl: zwischen einem anspruchsvollen, interessanten Job und einem monotonen, langweiligen. Wie würden Sie sich entscheiden?

Wahrscheinlich wie die meisten Menschen: für den interessanten Job. Das erscheint offensichtlich. Säße Ihnen in diesem Moment der Verhaltensforscher Peter Ubel gegenüber, würde er Ihre Antwort interessiert registrieren – und bezweifeln, dass Sie die Wahrheit sagen. Zusammen mit dem Ökonomen David Comerford hat er herausgefunden, dass viele Menschen zwar angeben, dass ihnen ein anspruchsvoller, erfüllender Job wichtig ist. Sobald aber der Faktor Geld ins Spiel kommt, verhalten sich viele im Widerspruch zu dieser Aussage. Denn sind zwei Jobs gleich entlohnt, entscheidet sich ein großer Teil für den weniger herausfordernden, und das, obwohl die Menschen wissen, dass ihnen der andere Job mehr Spaß machen würde und sie sich im ausgewählten unterfordert fühlen werden. Warum? 

Der Versuch, nichts zu tun

Um diese Frage zu beantworten, führten Ubel und Comerford mehrere Experimente durch. In einem wiesen sie einer Gruppe Studierender unterschiedliche Aufgaben zu. Die einen waren „Arbeiter“, die anderen „Zuschauer“. Erstere sollten fünf Minuten lang Puzzles zusammensetzen, Letztere einfach still dasitzen und nichts tun. Die Puzzler waren letztlich zufriedener mit ihrer Aufgabe, weil sie nicht so ereignislos war wie die andere. Dennoch hätten nur 18 Prozent von ihnen den Job wirklich angenommen, ohne dass sie mehr gezahlt bekommen hätten als die tatenlosen „Zuschauer“ 

Besonders überraschend ist das nicht. Die meisten Menschen sind nun mal nicht bereit, mehr Arbeit zu leisten, wenn sie für den zusätzlichen Aufwand nicht entsprechend entlohnt werden, selbst dann nicht, wenn die Arbeit dadurch interessanter und kurzweiliger wird. Bemerkenswert wird das Ergebnis der Studie aber, wenn man dazu den aktuellen Stand der Wissenschaft zum Thema Langeweile in Betracht zieht. Denn eigentlich hassen wir die Ödnis des Nichtstuns.

Lieber Schock statt Langeweile

Wie sehr, haben Forscher der University of Virginia in einer eindrücklichen Studie demonstriert: 42 Versuchspersonen wurden gebeten, zwischen sechs und 15 Minuten alleine in einem leeren Raum zu verbringen. Die einzige Ablenkungsmöglichkeit war ein Knopf, der bei Betätigung einen schmerzhaften Elektroschock verursachte. Zwei Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen drückten wenigstens einmal auf den Knopf, obwohl sie wussten, was ihnen blüht. Einer der Männer schockte sich ganze 190-mal. Die Sehnsucht nach einem neuen Reiz war offensichtlich stärker als die Angst vor dem Schmerz.   

Schon die alten Philosophen ließen kein gutes Haar an der Langeweile: Arthur Schopenhauer bezeichnete sie als eine der beiden „Feinde des menschlichen Glückes“, neben dem Schmerz. Blaise Pascal befand, dass „nichts dem Menschen so unerträglich“ sei, wie „in einer völligen Ruhe zu sein, ohne Leidenschaft, ohne Tätigkeit, ohne Zerstreuung, ohne die Möglichkeit, sich einzusetzen“. Immanuel Kant beschrieb sie „als Vorgefühl des langsamen Todes“ und Søren Kierkegaard ging gar so weit, die Langeweile als „Wurzel allen Übels“ zu bezeichnen. 

Auch in den modernen Sozialwissenschaften kommt sie nicht gut weg. Studien sehen einen Zusammenhang zwischen Langeweile und Alkoholismus, Drogenkonsum, Ess- und Spielsucht. Bei einer Befragung von Beschäftigten des öffentlichen Dienstes in Großbritannien wurde festgestellt, dass die Wahrscheinlichkeit, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, mehr als doppelt so hoch war, wenn die Befragten angegeben hatten, sich in den Monaten zuvor bei ihrer Arbeit gelangweilt zu haben. 

Langweilig? Kurzweilig!

Die Menschen empfinden sie also als unangenehm, große Denker verachteten sie, die Wissenschaft stuft sie gar als gefährlich ein – aber ist das wirklich alles, was es über die Langeweile zu sagen gibt? Mitnichten. Denn ganz grundsätzlich stellt sich ja die Frage, warum wir eine als so negativ empfundene Emotion überhaupt verspüren: Warum langweilen wir uns? Oder besser: Warum schmerzt uns ungewollte Passivität? 

Der Neuropsychologe James Danckert, der an der University of Waterloo in Kanada forscht, hat möglicherweise eine Antwort darauf gefunden. Zu Beginn seiner Karriere arbeitete er mit einer Gruppe junger Männer, die ein Hirntrauma erlitten hatten. Ihm fiel auf, dass seine Patienten ungewöhnlich oft gelangweilt wirkten. Als er sie danach fragte, wurde ihm seine Beobachtung von ausnahmslos allen bestätigt. Ein Hirntrauma geht häufig mit einem Verlust der Selbstkontrolle einher. Danckerts Schlussfolgerung: Langeweile hat etwas mit der Fähigkeit zu tun, sich selbst steuern zu können und so Einfluss auf die Umgebung zu haben.   

Um das Phänomen der Langeweile genauer zu studieren, ließ Danckert extra einen Film produzieren, der langweiliger nicht sein könnte: Zwei Männer hängen Wäsche auf, sonst passiert nichts. Zeigt man Testpersonen den Film, kann man folgende Beobachtung machen: Anfangs sind die Menschen noch interessiert, denn sie gehen davon aus, dass der Film demnächst eine unerwartete Wendung nimmt und beispielsweise etwas Lustiges passiert. Sobald sie aber realisieren, dass der Film einfach so weitergeht, driften sie ab. Langeweile hat also auch mit der Erwartung zu tun, ob sich in nächster Zukunft eine Situation nicht verändern wird.   

„Was ich mache, soll Spaß machen“, sagen viele Menschen – bis der Faktor Geld ins Spiel kommt.
Foto: Marc Bordons/Stocksy

Motivator Langeweile

Der Sozialpsychologe Eric Igou sieht in dieser Erwartungshaltung die menschliche Sehnsucht nach Sinn. Er ist überzeugt, dass die Menschen durch wenig mehr motiviert werden als durch die Aussicht auf ein sinnvolles Leben. Das Gefühl der Langeweile kann somit als eine Art Erinnerungsmechanismus verstanden werden, der die Menschen dazu antreiben soll, nach Bedeutung zu suchen. An diesem Punkt fängt die Langeweile an, richtig interessant zu werden. Denn obwohl sie gemeinhin als unangenehm empfunden wird und eine Verbindung mit einer Vielzahl von schädlichen Verhaltensweisen besteht, hat die Langeweile auch eine ausgesprochen nützliche Seite: Um sich aus der Langeweile zu befreien, muss man nach Möglichkeiten suchen, dem eigenen Verhalten einen Sinn zu geben.  

In zahlreichen Studien wurde nachgewiesen, dass sich gelangweilte Menschen kreativer verhalten. Beispielsweise bei einem Experiment an der University of California in Santa Barbara: Die Studienteilnehmer wurden dazu aufgefordert, sich möglichst viele Verwendungsmöglichkeiten für verschiedene Gebrauchsgegenstände auszudenken, zum Beispiel für einen Ziegelstein. Die eine Hälfte der Gruppe bekam im Anschluss anspruchsvolle Denkaufgaben gestellt, die andere bekam eine langweilige, monotone Aufgabe. Zum Abschluss wurden alle Teilnehmer erneut dazu aufgefordert, sich Verwendungsmöglichkeiten für die Objekte auszudenken. Die Gruppe, die sich zuvor mit der langweiligen Aufgabenstellung beschäftigt hatte, schnitt um 40 Prozent besser ab. Man kann die Langeweile also auch für sich nutzen, man muss nur wissen, wie.

Die bisherigen Erkenntnisse lassen ahnen, dass wir als Gesellschaft im Umgang mit der Langeweile noch viel zu lernen haben. Anscheinend nehmen wir sie in Kauf, wenn sie nur genügend mit Geld aufgewogen wird. Nur finden wir uns dann nicht selten in Jobs wieder, die wir als absolut trostlos empfinden und die sich nicht mehr mit Sinn füllen lassen – und letztlich krank machen. In ihrer Studie zu „Effort Aversion“ stellen Peter Ubel und David Comerford fest, dass die Menschen sich oft übermäßig stark mit der finanziellen Kompensation für ihre Arbeit beschäftigen und dabei andere Werte, wie Interesse, Abwechslung und Herausforderung, vernachlässigen. Die Folgen dieser Verhaltensweise sind bekannt: Unterforderung im Job, Frust, Bore-Out.  

Was wir lernen müssen

Die Automatisierung sorgt schon heute dafür, dass stark repetitive Aufgaben immer öfter von Maschinen oder Algorithmen übernommen werden. Umso wichtiger ist es, dass wir lernen, unser kreatives Potenzial zu schöpfen und dafür auch die positiven Seiten der Langeweile für uns zu nutzen wissen. So lange aber der Druck des Geldverdienens so groß ist wie bisher, werden sich die meisten Menschen im Zweifelsfall für den weniger attraktiven, aber lukrativeren Job entscheiden. Ein Grundeinkommen könnte ein Baustein sein, dies zu ändern. Denn es könnte uns die Zeit geben, grundsätzlich darüber nachzudenken, welche Arbeit uns wirklich entspricht, was wir mit unserer Zeit anfangen wollen. Währenddessen kann uns dann ruhig langweilig sein, doch diese Langeweile ist dann im Gegensatz zur einförmigen Langeweile im Job auf ein Ziel gerichtet und entfacht Kreativität. Also in etwa so gestaltet, wie Friedrich Nietzsche sie beschrieb: eine „unangenehme Windstille der Seele, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht“.

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