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Glücksforschung

„Das Gute liegt niemals im Extremen“

von Judith Blage,
Foto: Nicolai Perjesi/Stocksy

Viele Menschen strebten in den vergangenen Jahren nach mehr Geld – fühlten sich deshalb aber nicht unbedingt besser, wie die Forschung zeigt. Welcher Zusammenhang herrscht also zwischen Glück und Einkommen? Ein Gespräch mit Ökonom und Glücksforscher Mathias Binswanger, Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten.

29. April 2020

Der Artikel in Kürze
— Mehr Einkommen macht nicht automatisch glücklicher
— Sozialkontakte und Anerkennungen sind wichtiger als Einkommen
— Für noch mehr Glück müssen wir unser Wirtschaftssystem umbauen

Zu dem Thema gibt es viele Umfragen verschiedener Qualitäten. Der „World Happiness Report“ der Vereinten Nationen zum Beispiel ermittelt alljährlich das Glücksempfinden der Menschen nach Nationen. Regelmäßig sind Länder, die zu den reichsten der Erde gehören, auf den ersten Plätzen. Andererseits gaben in einer Umfrage aus dem Jahr 2019 mehr als 1.000 Schweizer an, Geld sei der größte Stressfaktor im Leben. Herr Binswanger, macht Geld nun glücklich oder nicht?

Mathias Binswanger: Die herrschende Antwort, dass man glücklich wird, wenn man mehr Einkommen hat, ist eine Illusion. Trotzdem ist die Antwort komplexer, als man so glaubt. Wir beobachten, dass die Menschen in reichen Ländern glücklicher sind als in armen Ländern. Aber andererseits ist auch klar: Das Glück steigt ab einem gewissen Punkt nicht mehr mit dem Reichtum, sondern stagniert.

Woran liegt das?

Natürlich braucht es ein gewisses Maß an Wohlstand, um ein gutes Leben zu führen. Ist dies vorhanden, werden andere Dinge zentral fürs Glück. Die Einkommensgrenze, ab der Glück nicht mehr ansteigt, ist von Land zu Land sehr unterschiedlich gelagert. Aber Untersuchungen zeigen, dass Menschen in entwickelten Ländern wie der Schweiz oder Japan nicht glücklicher werden, wenn sie wegen des Wirtschaftswachstums mehr verdienen. Andererseits gibt es Studien, die bestätigen, dass in allen untersuchten Ländern jeweils die Reichen glücklicher sind als die Armen.

Ist das nicht ein Widerspruch?

Ja, aber es ist keiner, wenn man davon ausgeht, dass die Menschen relativ und nicht absolut denken. Die Menschen vergleichen sich mit den anderen. Ob man zufrieden ist, hängt unter anderem vom Resultat dieses Vergleichs ab. Die Studien ergaben, dass bei einem Wachstum der Wirtschaft alle reicher werden: die Reichen und die Armen. Die Differenz zwischen ihnen bleibt also bestehen.

Also vergleichen wir uns zu viel?

Sich zu vergleichen, ist menschlich. Aber es wird einem schwerfallen, sich mit dem eigenen durchschnittlichen Einkommen zufriedenzugeben, wenn man in einer Gegend voller Villen und schicker Autos lebt. Lebe ich in einer Gegend, in der der Standard zu meiner Situation passt, bin ich zufriedener.Man muss sich also die richtige Umgebung suchen.

Mathias Binswanger ist Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Er ist Autor mehrerer Bücher und Artikel in Fachzeitschriften und der Presse. Zuletzt erschien 2015 „Geld aus dem Nichts“.
Foto: Michael Rausch-Schott/picture alliance
In Zeiten sozialer Medien ist das eher schwierig: Jeder kann die Kardashians oder andere Reiche dabei beobachten, wie sie ihre bombastischen Villen einrichten.

Tatsächlich. Das ist auch ein Grund, warum ich seit mehr als zehn Jahren nicht mehr fernsehe und auch relativ enthaltsam lebe, was soziale Medien angeht. Es war gut für mich, den Fernseher abzuschalten. Seitdem habe ich mehr Zeit, Dinge zu tun, die mich glücklich machen. Zum Beispiel Freundschaften pflegen, schreiben oder lesen. Deshalb habe ich das Fernsehen als Unglücksfaktor eliminiert – und es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Was brauchen wir zum Glücklichsein?

Es gibt natürlich kein allgemeines Rezept, aber Einsamkeit, fehlende Sozialkontakte, Stress und ständige Überforderung sind sichere Wege, um unser Glück zu verhindern. Soziale Anerkennung spielt eine große Rolle. Mangelnde Anerkennung ist einer der größten Faktoren bei Unzufriedenheit am Arbeitsplatz.

Warum rennen so viele Menschen dem Glück vergeblich hinterher?

Weil viele Leute genau die Tätigkeiten, die sie unglücklich machen, sogar noch ausbauen. Wenn jemand plötzlich über mehr Einkommen verfügt, steigt die Möglichkeit, dass er noch mehr arbeitet und ein Einfamilienhaus auf dem Land kauft und dadurch zum Arbeitsort pendeln muss. Denn wie gesagt: Menschen vergleichen sich mit ihrem Umfeld und neigen dazu, sich den sozialen Standards anpassen zu wollen. Sie wünschen sich mindestens die gleichen Statussymbole wie ihr Umfeld. Pendeln gehört gemäß Umfragen zu den Tätigkeiten, die am allerwenigsten glücklich machen. Deshalb muss man sich fragen: Bin ich in der Lage, das zusätzliche Geld richtig einzusetzen, damit es zu einem besseren Leben führt? Soll ich stattdessen nicht besser mehr Zeit mit meinen Freunden verbringen?

Ist also Zeit ein wichtiger Glücksfaktor?

Viele Menschen mit anspruchsvollen Jobs haben nach der Arbeit oft nicht mehr die Energie, um überhaupt eine Vorstellung davon zu entwickeln, was sie außer Arbeiten gerne noch tun möchten. Etwas, das nicht passive Unterhaltung wie Fernsehen ist – die nachweislich nicht glücklich macht. Es gibt Menschen, die unzufrieden sind, weil sie viel Zeit, aber kein Geld haben, und solche, die unglücklich sind, weil sie viel Geld, aber keine Zeit haben. Das optimale Leben liegt irgendwo dazwischen. Es klingt zwar schulmeisterlich, aber es ist wahr: Das Gute liegt niemals im Extremen.

Was hat unser Wirtschaftssystem mit unserem Glück zu tun?

Einiges. Denn unser gegenwärtiges System ist auf dauerndes Wachstum ausgerichtet. Unternehmen müssen ständig mehr Gewinne generieren; dauernd müssen neue Bedürfnisse geweckt werden, die wiederum Kaufkraft erzeugen. Dabei sind unsere Grundbedürfnisse längst gedeckt. So entsteht auch die zuvor genannte Vergleichsspirale nach oben: Es geht ja immer noch besser. Deshalb wird die Nachfrage nach reinen Statusgütern immer größer. Glücklicher macht das nicht.

Was wäre die Lösung?

Wir müssten unser Wirtschaftssystem verändern und Unternehmen anders organisieren. Ein Beispiel sind Genossenschaften: Sie haben nicht die Gewinnmaximierung zum Zweck, sondern richten sich nach definierten Zielen oder Bedürfnissen aus. Einige landwirtschaftliche Genossenschaften in der Schweiz sind zum Beispiel schlicht darauf ausgerichtet, die Menschen in der Umgebung mit guten Lebensmitteln zu versorgen. Da der Gewinn nicht maximiert werden muss, bleibt sowohl dem Tier als auch dem Menschen mehr Freiheit. Alle sind ernährt – und das ist genug. Das klappt nicht bei allen Genossenschaften überall reibungslos. Aber die guten Genossenschaften könnten ein Vorbild für die ganze Wirtschaft sein.

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