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Was wir wissen und was nicht

Was macht Stress mit uns?

von Lea Hampel und Mansour Aalam (Stiftung Grundeinkommen)
Foto: Dmitry Demidchik/EyeEm

Stress, das zeigt unter anderem die Forschung des Neuroendokrinologen Robert M. Sapolsky, macht krank und irrational, besonders arme und arbeitslose Menschen. Das hat wiederum dramatische Folgen für unsere Wirtschafts- und Sozialsysteme. Es gibt Hinweise, dass ein Grundeinkommen die Folgen von Stress mildern könnte. Es wird Zeit, weiter in diese Richtung zu forschen.

10. Juli 2019

Was könnte ein Grundeinkommen bewirken – für jeden Einzelnen, aber auch die Gesellschaft? Die Wissenschaftsserie “Was wir wissen und was nicht” wirft einen Blick auf die Faktenlage. Wirtschaftsjournalistin Lea Hampel stellt im ersten Teil jeder Folge den Stand der Forschung vor. Im zweiten gibt Mansour Aalam, Geschäftsführer Stiftung Grundeinkommen, eine Einschätzung.

Mittlerweile gilt Stress als ein Standardbegriff aus dem Arbeits- und Privatleben. Bei Google gibt es 1.050.000.000 Suchergebnisse dazu, jeder Buchladen führt unzählige Ratgeber. Aber auch wenn schon die Fabrikarbeiter im 19. Jahrhundert gestresst waren: Das Phänomen ist erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts benannt und untersucht worden. Der Biochemiker Hans Selye setzte in seinem Labor Ratten unter Dauerbelastung, etwa indem er sie extremen Temperaturen aussetzte. Sie entwickelten Magengeschwüre. Selye konnte nachweisen, dass das am Stress lag. Woher der kommt, welchen Zweck und welche Folgen er hat, war unklar und sollte es eine Weile bleiben.

Dabei ist existenzieller Stress an sich kein Problem. Die Reaktion darauf ist im Menschen wie in allen Säugetieren für Notsituationen angelegt: Erlebt man Stress, schaltet der Körper um in einen Modus, in dem man kurzfristig schnell reagieren und klar denken kann, um vor dem Säbelzahntiger zu fliehen oder effizient gegen eine andere Gruppe Primaten zu kämpfen. Das Problem: Stress entsteht nicht nur durch akute Drucksituationen, wenn etwa heute ein Auto statt eines Tigers auf uns zurast. Sondern auch durch andere Faktoren. Wie Sapolsky in seinem Buch „Why Zebras don’t get Ulcers“ (Warum Zebras keine Migräne kriegen – Wie Stress den Menschen krank macht) schreibt, hängt vor allem vom sozialen Status ab und davon, ob und wie gestresst man ist.

Den Menschen fehlt der Säbelzahntiger

Heutzutage, so Sapolsky, stellt uns die in uns angelegte Stressdynamik vor ein neues Problem. Denn wir reagieren zwar immer noch genauso wie zur Zeit des Säbelzahntigers, also mit steigendem Blutdruck und anderen körperlichen Phänomenen. Doch damals ging es um die schnelle Reaktion, um zu überleben; heute greifen die gleichen physiologischen Reaktionen über Monate, Jahre, Jahrzehnte. Wenn der Job, die Familie, das Leben an sich stresst. Das wiederum bedingt ein Problem, das nicht neu ist, das aber wenige Menschen so genau wie Sapolsky untersucht haben: Stress erhöht die Wahrscheinlichkeit, an bestimmten Krankheiten zu leiden beziehungsweise weniger gut von diesen zu genesen.

Fatal wird das Ganze dadurch, dass das Gehirn eine besondere Funktionsweise hat. Nicht nur akute Gefahr stresst uns, sondern auch die Annahme, es könnte Gefahr drohen. Sapolsky zeigt, dass die körperliche Reaktion auf antizipierten Stress genauso stark ausfallen kann wie die auf tatsächlichen Stress. Typische Folgen sind Probleme mit dem Immunsystem, aber auch Testosteronmangel bei Männern und unregelmäßige Zyklen bei Frauen. Extreme Formen von Stress ähneln bei Untersuchungen in ihren physischen und psychischen Symptomen starken Depressionen: Die gleichen Hormone sind aktiv.

Verschlimmert wird das dadurch, dass viele Faktoren sich gegenseitig verstärken. Ein Beispiel von vielen: Wer gestresst ist, schläft schlechter, kann sich schlechter erholen und ist noch leichter gestresst. Insgesamt entsteht ein Teufelskreis. Und am Ende ist man gestresst, weil man gestresst ist.

Stress fordert alle

Nun mag das Ganze nach einer individuellen Gesundheitsfrage klingen, lösbar durch einen der Ratgeber aus den Buchläden. Tatsächlich hat es aber gesellschaftliche Implikationen. Wer sich permanent existenziell bedroht fühlt, kann gar nicht erst darüber nachdenken, wie sein Leben anders verlaufen könnte oder in welchem Umfeld er weniger gestresst wäre. „Da wir die Krankheit nicht ohne den Kontext der kranken Person betrachten können, können wir auch nicht die Gesellschaft vernachlässigen, in der diese Person krank geworden ist – und den Platz der Person in dieser Gesellschaft“, schreibt Sapolsky.

Da wäre zunächst die ökonomische Dimension: Arbeit, wie sie heute häufig stattfindet, stresst. Die Ursache ist meist nicht die Aufgabe, schreibt Sapolsky: „Stress, der mit dem Beruf einhergeht, hängt mehr mit dem Mangel an Kontrolle zusammen, weil man das Arbeitsleben als Teil einer Maschinerie verbringt. Unzählige Studien haben gezeigt, dass der Zusammenhang zwischen Jobstress und dem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen in der tödlichen Kombination aus hohen Anforderungen und wenig eigener Kontrolle liegt. Man muss hart arbeiten, es wird viel von einem erwartet, und man hat minimale Kontrolle über den Prozess.“ Der Biologe belegt diese These auch damit, dass Mitglieder kleiner Kammermusikorchester niedrigere Stresslevels aufweisen als Mitglieder großer Orchester. Auch hier gibt es einen sich selbst verstärkenden Faktor: Wer gestresst ist, kann schlechter Entscheidungen treffen, auf Arbeitsprozesse dürfte sich das negativ auswirken. Zumal nachgewiesen ist, dass gestresste Menschen Fakten schlechter interpretieren können.

Ein Dreieck aus Armut, Stress und schlechter Gesundheit

Auch eine sozialpolitische Dimension gibt es für chronischen Stress. Oder wie Sapolsky es formuliert: „Wenn Sie ein Beispiel für chronischen Stress untersuchen wollen, untersuchen Sie Armut.“ Der Wissenschaftler macht ein Dreieck auf aus Armut, Stress und schlechter Gesundheit: „Armut kann man generell gleichsetzen mit mehr Stressfaktoren“, schreibt Sapolsky.Und belegt es mit einer Zahl: Der sozioökonomische Status ist, vorausgesetzt, in einer Gruppe sind Geschlecht, Alter und Ethnie gleich, der sicherste Faktor, um vorauszusagen, wie alt eine Person wird. Selbst innerhalb mancher Länder der westlichen Welt liegt der Unterschied in der durchschnittlichen Lebenserwartung zwischen den reichsten und den ärmsten Menschen bei bis zu zehn Jahren.

Stress wirkt langfristig

Auf ganz direkte Weise beeinträchtigt das den Einzelnen. Wer arm ist, übt oft physisch anstrengendere Jobs aus, zum Teil mehrere, schläft weniger, hat weniger Zeit und Ressourcen, um sich um Wohlbefinden und Gesundheit zu kümmern. Er trifft, das zeigt langjährige ökonomische Forschung, tendenziell schlechtere Entscheidungen, beispielsweise in Bezug auf Geld. Das Ganze wirkt langfristig: Wer als Kind arm war, entsprechend schlechter versorgt wurde und mehr Stress aushalten musste, wird später mit höherer Wahrscheinlichkeit krank und stirbt früher. Das konnte eine von Sapolsky zitierte Studie zeigen, bei der Nonnen, die jahrzehntelang gleiche Lebensbedingungen gehabt hatten, untersucht wurden. Ihr Gesundheitszustand unterschied sich nach der Art des Haushalts, in dem sie aufgewachsen waren.

Wer sich arm fühlt im Vergleich zu seinen Mitmenschen, ist tendenziell gestresster und damit kränker. So sind Menschen, die in weniger gleichen und sozialen Gesellschaften leben, meist kränker. Dabei geht es um das Gefälle im Einkommen zwischen den Höchst- und den Niedrigverdienern. Aber auch darum, wie groß der Zusammenhalt ist. Weniger soziale Isolation, schnellere Verbreitung von gesundheitsrelevanten Informationen, aber auch soziale Kontrolle von ungesundem Verhalten und mehr gemeinschaftliches Engagement für bessere Versorgung können laut Sapolsky Faktoren sein, die dazu führen, dass Menschen in einer Gesellschaft mit weniger Ungleichheit gesünder sind. Wenn man umgekehrt in Erwägung zieht, dass Menschen besser mit Stress umgehen können, wenn sie soziale Unterstützung erhalten, zeigt sich, wie gefährlich chronischer Stress für eine Gesellschaft sein kann.

Stress, Gesundheit und Armut sind eng miteinander verknüpft – zum Leidwesen der Betroffenen.
Foto: Max Kütz/Stocksy

Einschätzung von Mansour Aalam,
Stiftung Grundeinkommen

Wenn wir die Wirkungsweise von Grundeinkommen weiter verstehen wollen, ist diese Forschung sehr spannend.

Schaut man sich beispielsweise die Erkenntnisse einer Studie aus Kanada aus den 1970er-Jahren an, bestätigen die Ergebnisse indirekt Sapolskys Forschung. „Die Familien wussten, dass sie sich zumindest auf ein wenig Unterstützung verlassen konnten. (…) Sie wussten, dass eine plötzliche Krankheit oder unvorhergesehene wirtschaftliche Ereignisse sie nicht finanziell ruinieren würden“, schreibt Evelyn Forget, die sich im Jahr 2011 nochmals die knapp 40 Jahre alten Daten angesehen hat. Sapolsky betont, dass das Stresslevel von Menschen sogar noch höher ist, wenn sie wissen, dass negative Ereignisse eintreten werden, den Zeitpunkt und das Eintreten aber nicht kontrollieren können.

Das Stresslevel steigt laut Sapolsky auch dann besonders, wenn Menschen davon ausgehen müssen, dass sich ihre Situation verschlimmern wird. Dass Menschen weniger gestresst sind, weil sie keine Existenzangst mehr haben müssen, wie die Probanden in Kanada, deckt sich sehr gut mit diesen Ergebnissen. Auch ein Fazit von Minna Ylikännö, leitende Forscherin des Grundeinkommenexperiments in Finnland, mit dem die Nachrichtenagentur Bloomberg sie zitiert, geht in diese Richtung: „Die Empfänger des Grundeinkommens wiesen weniger Stresssymptome, weniger Konzentrationsschwierigkeiten und weniger gesundheitliche Probleme als die zum Vergleich miteinbezogene Kontrollgruppe auf. Sie waren auch zuversichtlicher in Bezug auf ihre Zukunft sowie ihre Möglichkeit, gesellschaftliche Themen zu beeinflussen.“ 

Was wir über Stress wissen – und was nicht

Wir wissen somit, dass Armut und die Angst vor Armut chronischen Stress auslösen. Wir wissen, dass chronischer Stress die Gesundheit, die körperliche und die kognitive Leistungsfähigkeit belastet. Wir wissen auch aus ersten Experimenten, dass ein Grundeinkommen diesen Stress senken kann. Das ist an sich schon beachtlich und für eine Gesellschaft wertvoll. Jedoch wissen wir noch zu wenig, um den Umkehrschluss ziehen zu können: Das Grundeinkommen könnte also Existenzängste und damit dauerhaft das Stresslevel senken. Aber würden Menschen in der Folge bessere Entscheidungen treffen, weniger krank werden und ihr Potenzial entfalten? Wir haben dafür zwar Anhaltspunkte, aber noch ist dies eine Hypothese, die es zu validieren gilt. Und genau das müssen wir jetzt tun.

Die Stressforschung ist aus unserer Sicht ein ganz elementarer Mosaikstein, um die Wirkungsweise von Grundeinkommen besser zu verstehen. Daher ist es wichtig, diese Forschung in Experimenten auf das Grundeinkommen anzuwenden. Dadurch können wir mehr darüber lernen, wie Grundeinkommen, Stress und Potenzialentfaltung zusammenspielen. Aus unserer Sicht sollte die Stressforschung ein zentraler Bestandteil von weiteren Experimenten und Pilotprojekten sein. Das Potenzial für den Einzelnen und für uns als Gesellschaft ist so groß, dass es den Aufwand auch für große staatliche Experimente jederzeit rechtfertigt.

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