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Grundeinkommen – Debatte

Sind bedingungs­lose Grundgüter die Lösung für unsere Wirtschaft?

von Marina Gorbis,
Foto: EyeEm

Weltweit nimmt die Vermögensungleichheit zu. Für Marina Gorbis, Direktorin des Institute for the Future, geht darum ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht weit genug. Stattdessen schlägt sie ein System bedingungsloser Grundgüter vor. Wie es gestaltet werden müsste, erklärt sie in diesem Debattenbeitrag.

26. Februar 2020

„Die Art und Weise, wie Wirtschaft heute funktioniert, ist nicht gottgegeben“, hat der Autor Douglas Rushkoff in einem Essay mal geschrieben: „Es ist ein Spiel mit sehr speziellen Regeln, in Kraft gesetzt von realen Menschen mit realen Absichten.“ In den vergangenen 100 Jahren haben die Regeln, die wir entwickelt haben, zu einem unglaublichen Wirtschaftswachstum geführt. Doch inzwischen verursachen sie auch tief greifende soziale und ökologische Schäden –  mit steigender Tendenz. Im Jahr 2010 besaßen die 43 reichsten Personen der Welt so viel wie die ärmsten 50 Prozent der Menschen. 2017 besaßen laut einer Oxfam-Studie allein acht Menschen so viel wie die Hälfte der Weltbevölkerung. Diese massive Vermögensungleichheit ist nicht hinnehmbar, wir benötigen dringend ein neues Gesellschaftsmodell, um soziale und wirtschaftliche Gleichheit herzustellen, zum Beispiel nach dem Konzept der bedingungslosen Grundgüter (Universal Basic Assets, UBA). Meiner Definition nach handelt es sich hierbei um eine Art Grundausstattung mit Ressourcen, die jedem Menschen zustehen – von Wohnraum und Gesundheitsfürsorge bis hin zu Bildung und finanzieller Sicherheit.

Warum wir ein solches System brauchen 

Die Instabilität der Gesellschaft, verursacht durch enorme wirtschaftliche Unterschiede, dürfte noch größer werden. Dazu reicht wahrscheinlich allein der Druck zweier Kräfte aus. Die eine Kraft ist die unaufhaltsam fortschreitende Klimaerwärmung. Sie verursacht schon heute große Migrationsströme von Klimaflüchtlingen, die vor Krieg, Wasser- und Nahrungsknappheit fliehen. Die andere Kraft – die rapide Ausdehnung von Automatisierung, künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen auf immer mehr Lebensbereiche – unterminiert traditionelle Einkommensquellen für große Teile der Bevölkerung in Industrie- wie Entwicklungsländern gleichermaßen. Eine Vielzahl neuer technologischer Werkzeuge macht es möglich, massenhaft Waren und Dienstleistungen bereitzustellen, ohne dass dafür viele Arbeiter nötig wären. Immer mehr Menschen verdienen darum ihren Lebensunterhalt in Beschäftigungsverhältnissen, die mal flexibel und mal prekär sind, statt in sicheren und gut bezahlten Jobs, die soziale Vorteile und Risikominimierung garantieren.

Das Ergebnis: Produkte und Wissen werden von relativ wenigen Menschen generiert. Das Wirtschaftssystem ist kaum noch in der Lage, die Bedürfnisse vieler zu erfüllen. Doch in einer gesunden Gesellschaft hat jede Person das Recht auf ein sicheres Leben, auf Lernen und Gesundheit – und auf die Möglichkeit, aus seinem Leben das Beste zu machen. Diese Rechte stellen die bedingungslosen Grundgüter dar.

Wie das System aussehen sollte

Wir müssen folglich dringend neue Rahmenbedingungen schaffen, die mehr soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit gewährleisten. Manche Ökonomen und Aktivisten plädieren für ein bedingungsloses Grundeinkommen, eine garantierte Mindestsicherung für jeden Einzelnen, die das Überleben garantiert. Ich glaube allerdings, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen nur der erste Schritt auf dem Weg zu einem gerechteren Wirtschaftssystem sein kann. Der französische Ökonom Thomas Piketty, Autor des Bestsellers „Das Kapital im 21.  Jahrhundert“, schreibt, dass wir an einem Punkt in der Geschichte angelangt sind, an dem es einer Person unmöglich ist, ein Gehalt zu verdienen, das mit der Rendite von Investoren und Kapitaleignern mithalten kann. Solche Ungleichheiten werden wahrscheinlich durch die Automatisierung noch größer werden. Schließlich kann ein Unternehmen mit weniger Arbeitern größere Profite an seine Eigentümer ausschütten. Lösungen im Kampf gegen die wirtschaftliche Ungleichheit müssen sich also vorrangig darauf konzentrieren, einen breiteren Zugang zu wichtigen Gütern zu schaffen – was dann wiederum zu besseren wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen führt.

Marina Gorbis ist Direktorin des Institute for the Future (IFTF). Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf Transformationsprozessen in der Arbeitswelt und neuen Formen der Wertschöpfung. Das IFTF ist eine NGO mit Sitz im Silicon Valley.
Foto: IFTF

Wenn wir ein System der bedingungslosen Grundgüter entwerfen wollen, müssen wir Verschiedenes beachten: zum Beispiel den Zugang zu traditionellen physischen und finanziellen Gütern wie Land und Geld, genauso die wachsende Zahl an nichtgreifbaren Gütern wie Daten, virtuellen Währungen oder persönlicher Reputation. Wir müssen auch den Gütern und Interaktionen Wert beimessen, die sich zwar momentan nicht monetär aufwiegen lassen, die aber für Zusammenhalt in der Gesellschaft sorgen (etwa Pflege, schöpferische Leistungen, Wissensgenerierung). Das heißt, wir müssen ein Konzept anwenden, das Güter im weitesten Sinne zulässt. Diese Güter unterteilen wir in drei Klassen: privat, öffentlich und frei.

Private Güter

Private Güter sind alle Ressourcen, die uns als Individuum gehören. Wohnraum, Land oder Renten fallen in diese Kategorie. Seit dem 18. Jahrhundert haben viele Denker dafür plädiert, gleiche Zugangsvoraussetzungen für private Güter zu schaffen. Einige von ihnen haben sich auf die Umverteilung von Einkommen in Form diverser Steuern konzentriert, um so größere wirtschaftliche Gleichheit zu kreieren (auch das Grundeinkommen gehört zu diesen Ideen). Andere haben für mehr Chancengleichheit plädiert, also dafür, den Menschen im Rennen um ökonomischen und sozialen Aufstieg annähernd gleiche Startplätze zu verschaffen. In diese Kategorie fallen zum Beispiel die Rechtswissenschaftler Bruce Ackerman und Anne Alstott: Sie propagieren die Schaffung einer Anteilseigner-Gesellschaft, die jedem, der die Volljährigkeit erreicht, einmalig eine fixe Summe von 80.000 US-Dollar auszahlt. Der britische Child Trust Fund und der Versuch, in den USA sogenannte Individual Development Accounts zu schaffen, verfolgen ähnliche Ziele: Kinder sollen einen Vorsprung erhalten, indem man ihnen erklärt, was persönliche Finanzen sind und wie ihnen Sparen dabei hilft, später in die eigene Zukunft zu investieren.

Öffentliche Güter

Öffentliche Güter sind Ressourcen, die die Öffentlichkeit im Kollektiv besitzt und die stellvertretend durch die Regierung verwaltet werden. Sie können so ziemlich alles von Nationalparks über Boden- und Kulturschätze bis hin zu wichtigen Teilen der gemeinsamen Infrastruktur sein.

Hierzu lohnt sich ein Blick auf die vier Länder, die bei sozialer Mobilität an der Spitze weltweiter Rankings stehen: Dänemark, Norwegen, Finnland und Schweden. Sie alle gewährleisten weitreichenden Zugang zu öffentlichen Ressourcen, also Bildung, Gesundheitsfürsorge und öffentlichem Verkehr. Das ermöglicht es Kindern in diesen Ländern, die soziale und wirtschaftliche Leiter hinaufzuklettern. Wer zum Beispiel in eine arme dänische Familie hineingeboren wird, hat annähernd die gleichen Chancen auf wirtschaftlichen Erfolg wie jemand, der aus einem reicheren dänischen Haushalt stammt. Im Gegensatz dazu ist in den USA der sozioökonomische Status schon bei Geburt entscheidend dafür, wie gut es Menschen später im Leben haben werden.

Freie Güter

Freie Güter sind Ressourcen, die weder privat noch von einer Regierung besessen und verwaltet werden. Sie sind für jeden zugänglich und werden durch eine vorher bestimmte Gruppe verwaltet. Freie Güter werden in einem sogenannten freien Sektor hergestellt – diesen Begriff verwendet John Clippinger, unter anderem Forscher am Media Lab des Massachussetts Institute of Technology (MIT). Laut Clippinger kreiert im freien Sektor eine Gruppe von „Gründern“ eine Reihe von Ausgangsbedingungen. Auf Grundlage dieser Bedingungen entstehen dann durch die Interaktionen der Menschen innerhalb des Sektors Regeln. Als Beispiel zitiert Clippinger das britische Common Law. Es entstand aus Gebräuchen und Normen und wurde schließlich in sich weiter entwickelnden Gesetzen kodifiziert. „Es wurde nicht von oben übergestülpt. Es hat sich laufend unter verschiedenen Bedingungen neu erfunden, ohne dass es eine Kontrolle gegeben hätte“, sagt Clippinger.

Tatsächlich arbeitet auf die gleiche Weise heutzutage die Open–Software-Community. Wikipedia ist ein bekanntes Beispiel für eine Gemeinschaft, zusammengehalten durch gemeinsame Praktiken und Prinzipien, die eine Architektur und Arbeitsschritte zum Bearbeiten und Speichern von Informationen etabliert hat, woraus wiederum eine frei zugängliche Ressource entstanden ist, die von Milliarden Menschen genutzt wird. Auch in der analogen Welt finden wir Beispiele für gemeinsame Wertschöpfung in freien Systemen, in denen kein Geld erlaubt ist, etwa beim „Burning Man“-Festival oder beim Freespace-Konzept. Menschen entscheiden aus freien Stücken, zusammenzukommen und alles Mögliche von physischen Waren und Wissen bis hin zu Ratschlägen zu tauschen oder zu verschenken. Dieses Modell ist wahrscheinlich die Form der Existenz, die uns als menschlicher Spezies am besten vertraut ist: Immerhin haben viele unserer Vorfahren in Zeiten gelebt, die weder Geld noch Marktkapitalismus kannten.

Das System bedingungs­loser Grundgüter hilft allen

Was heißt das also für uns alle? Angesichts der wachsenden ökonomischen Ungleichheit in einer Gesellschaft müssen wir unseren Fokus darauf richten, eine bessere Verteilung und einen gerechteren Zugang zu verschiedenen Gütern zu schaffen. Das würde eine höhere sozioökonomische Mobilität für das Individuum gewährleisten und dabei helfen, die soziale Basis zu erhalten, auf der unsere Gesellschaft steht. Das Schaffen einer neuen Wirtschaftsform, die auf dem Prinzip der bedingungslosen Grundgüter fußt, kann unser aller Leben bereichern. Ohne sie dürfte die Zukunft ein deutlich traurigerer Ort für jeden sein.

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