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Grundeinkommen - Debatte

Die falschen Gründe für ein bedingungs­loses Grund­einkommen

von Douglas Rushkoff,
Foto: Seth Kushner/Retna Ltd/Corbis

Der Autor und Dozent Douglas Rushkoff unterstützte begeistert ein bedingungsloses Grundeinkommen. Bis er einen Vortrag bei Uber hielt. Im zweiten Teil unserer Debattenserie erklärt er, warum er es jetzt kritisch sieht.

24. Oktober 2019

Im Jahr 2016 wurde ich in das Hauptquartier von Uber in San Francisco eingeladen. Ich sollte über Missstände in der Digitalwirtschaft sprechen und darüber, was man dagegen tun könnte. Unternehmen aus dem Silicon Valley sind meines Wissens die einzigen Firmen, die kein Honorar für Vorträge zahlen, sie übernehmen nicht einmal die Taxikosten. Wie Google und Facebook geht Uber davon aus, dass es Autoren reicht, sich mit Entwicklern und Führungskräften auszutauschen. Dass das Privileg, Einfluss auf die Digitalisierung zu nehmen oder sogar die eigenen Bücher im Unternehmensblog zu erwähnen, schon Honorar genug ist. Für Autoren von Business-Büchern mag das sinnvoll sein. Wer möchte nicht damit angeben, dass er Google unternehmerischen Rat gibt?

Bei mir war es ein bisschen anders. In meinem Buch „Throwing Rocks at the Google Bus“ ging es um die Ungerechtigkeit der Digitalwirtschaft: darum, wie das Wachstum ihrer Start-ups die traditionelle Wirtschaft belastet und es den Menschen schwer macht, an der Wertschöpfung teilzuhaben, genug Geld zu verdienen und mit steigenden Mieten Schritt zu halten.

Zu Gast bei den Bösen

Ich hatte mich entschieden, den Vortrag zu halten, weil ich meinem Publikum ins Gesicht sagen wollte, dass Uber zu den schlimmsten Tätern gehört und den Taximarkt zerstört. Weil das Unternehmen genug Kapital hat, kann es alle unterbieten, den ganzen Wert aus dem Markt schöpfen und auf der verbrannten Erde ein Monopol errichten. Ich habe ganz schön geschimpft. Was mich überraschte: Das Publikum schien meine Bedenken zu teilen. Die Menschen bei Uber sind keine Idioten, und die negativen Auswirkungen ihres Tuns sind auch für sie offensichtlich. Dann meldete sich ein Mitarbeiter mit einer überraschenden Frage: „Was ist mit dem bedingungslosen Grundeinkommen?“ Moment mal, dachte ich. Das ist doch mein Part.

Bis zu diesem Moment war ich leidenschaftlicher Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE). Entgegen aller Erwartung macht das BGE die Leute nicht faul. Eine Studie nach der anderen zeigt, dass die Menschen durch die zusätzliche Sicherheit größere Risiken eingehen, unternehmerischer handeln und mehr Zeit und Energie darauf verwenden, ihre Gemeinschaften besser zu machen.

Also, wo ist das Problem?

Sollten wir nicht die Entwickler von Uber sowie andere bekannte Größen des Silicon Valley wie Facebook-Mitgründer Chris Hughes, Fondsmanager Bill Gross und Sam Altman von Y Combinator dafür feiern, dass sie vorschlagen, Geld an die Menschen zu verteilen? Vielleicht besser nicht. Denn für sie ist das BGE nur eine Möglichkeit, genauso weiterzumachen wie bisher.

"Betrachtet man das Ganze aus der Sicht eines Softwareentwicklers, ist das bedingungslose Grundeinkommen nur eine Korrektur für ein Programm mit grundlegenden Fehlern."

Das Geschäftsmodell von Uber basiert wie das vieler anderer Unicorns der Digitalwirtschaft darauf, den gesamten Wert aus den Märkten zu ziehen, in die das Unternehmen eintritt. Das bedeutet, Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten gleichermaßen auszubeuten, nur um weiter zu wachsen. Wenn die Menschen irgendwann zu arm werden, um weiter als Fahrer zu arbeiten oder für Fahrten zu bezahlen, liefert das BGE das nötige Geld, damit das Unternehmen weiter arbeiten kann. Betrachtet man also das Ganze aus der Sicht eines Softwareentwicklers, ist das BGE nur eine Korrektur für ein Programm mit grundlegenden Fehlern.

Der eigentliche Zweck des Kapitalismus der Digitalbranche ist, Wert aus anderen Wirtschaftszweigen abzuschöpfen und an die Spitzenunternehmen weiterzugeben. Wenn Konsumenten einen Weg finden, einen Teil dieses Werts für sich zu behalten, so der Gedanke, macht man etwas falsch oder lässt Geld auf dem Tisch liegen.

Wen ein Grund­einkommen wirklich rettet

Natürlich hat diese Art des Wirtschaftens ihren Preis: Monopolisten der Digitalwirtschaft lassen alle ihre Märkte auf einmal ausbluten. Bald können die Verbraucher nicht mehr so viel konsumieren, dass die Unternehmen weiterhin genug einnehmen. Facebook oder Google profitieren im Moment noch davon, dass sie so viele Daten wie möglich sammeln. Aber auch das verliert seinen Reiz, wenn die Menschen, deren Daten gesammelt werden, kein Geld mehr zum Ausgeben haben.

Die Rettung ist das BGE. Es sollte eigentlich ein Mittel sein, um extreme Armut zu beseitigen – es würde aber nur dazu dienen, die reichsten Menschen (und ihre treuen Vasallen, die Softwareentwickler) an der Spitze des Wirtschaftssystems zu halten. Denn das Geld, das die Regierung an die Bürger verteilen würde, flösse unweigerlich zu diesen reichsten Menschen.

Denken Sie nur darüber nach: Die Regierung druckt mehr Geld oder erhebt sogar höhere Steuern auf Unternehmensgewinne. Dann verteilt sie das Geld an die Menschen, sodass sie weiterhin Geld ausgeben können. Infolgedessen sammelt sich immer mehr Kapital an der Spitze. Und mit diesem Kapital geht mehr Macht einher, darüber zu bestimmen, wie die Menschen leben sollen. Gleichzeitig senkt das BGE die Motivation, darüber nachzudenken, welche Alternativen es zur Rolle als passiver Verbraucher gibt. Solche Alternativen könnten genossenschaftlich organisierte Plattform-Kooperativen sein, alternative Währungen, Zeitbanken oder Unternehmen, die den Mitarbeitern gehören. Sie würden das System verändern, in dem nur noch die ausbeuterischen Monopolisten Erfolg haben. Wenn es aber ein BGE gäbe, würden sie unnötig erscheinen. Warum bei der Revolution mitmachen, wenn unsere Bäuche voll sind? Oder gerade voll genug?

"Das bedingungslose Grundeinkommen sollte eigentlich ein Mittel sein, um extreme Armut zu beseitigen – es würde aber nur dazu dienen, die reichsten Menschen an der Spitze des Wirtschaftssystems zu halten."

Das BGE soll uns helfen, aber es macht aus Interessenvertretern oder Bürgern bloße Konsumenten. Wenn wir irgendwann nicht mehr die Fähigkeit haben, selbst etwas zu erschaffen oder mit anderen zu tauschen, können wir mit jeder Konsumentscheidung nur noch mehr Macht an die Menschen an der Spitze abgeben.

Ist ein bedingungs­loses Grund­einkommen wirklich bedingungslos?

Ein Einkommen ist nur ein Trostpreis. Wir sollten aber kein Taschengeld bekommen, sondern Vermögenswerte. Denn die Wohlstandsschere in den Vereinigten Staaten hat weniger mit den ungleichen Gehältern der Menschen zu tun als mit ihrem Vermögen. Das durchschnittliche Einkommen einer afroamerikanischen Familie liegt zum Beispiel leicht über der Hälfte des durchschnittlichen Einkommens einer weißen amerikanischen Familie. Das allein erklärt aber nicht den massiven Wohlstandsunterschied zwischen Weißen und Schwarzen. Diese Ungleichheit hängt vor allem damit zusammen, dass das mittlere Vermögen der weißen Haushalte in Amerika 20-mal so groß ist wie das der afroamerikanischen Haushalte. Auch Afroamerikaner mit angemessenem Einkommen haben oft nicht genug Vermögen, um Geld auf Sparkonten anzulegen, in Unternehmen oder am Aktienmarkt zu investieren.

Wenn die BGE-Fans aus dem Silicon Valley das Wirtschaftssystem wirklich reparieren wollten, sollten sie nicht auf ein bedingungsloses Grundeinkommen, sondern auf ein bedingungsloses Grundvermögen setzen, wie von Marina Gorbis vom Institute for the Future vorgeschlagen. Sie weist darauf hin, dass in Dänemark, wo die Menschen Zugang zu einem großen Teil der öffentlichen Ressourcen haben (zum Beispiel Bildung, Infrastruktur, Gesundheitswesen), ein Mensch aus einer armen Familie mit der gleichen Wahrscheinlichkeit wohlhabend wird wie eine vergleichbare Person aus einem reicheren Haushalt.

"Das bedingungslose Grundeinkommen soll uns helfen, aber es macht aus Interessenvertretern oder Bürgern bloße Konsumenten."

Für Risikokapitalgeber, die ihr Vermögen über Generationen sichern wollen, wäre eine solche wirtschaftliche Gleichheit ein Albtraum. Warum ein Monopol schaffen, wenn andere die Möglichkeit haben, es zu zerstören oder, schlimmer noch, all die sorgfältig privatisierten Vermögenswerte wieder in öffentliche Güter umzuwandeln?

Die Kurve zeigt nach unten

Das Problem der ultrareichen Kapitalisten ist, dass ihr Vermögen an Wert verliert. Die Kapitalrendite amerikanischer Unternehmen ist in den letzten 53 Jahren stetig gesunken. Die Reichen haben alle Vermögenswerte, setzen sie aber nicht ein. Sie sind nicht gut darin, zu investieren, etwas aufzubauen oder irgendetwas zu tun, damit Geld in das System zurückfließt. Deshalb fordern sie die Regierungen auf, das für sie zu tun, obwohl eigentlich die Unternehmen so gut wie alle realen Vermögenswerte besitzen.

Wie ein Programmierer, der sein Programm am Laufen halten möchte, begrüßt die Digitalbranche alles, was dazu beiträgt, das Programm am Laufen zu halten, von dem sie profitiert. Sie sehen allerdings nicht das wirtschaftliche Betriebssystem, das dem Programm zugrunde liegt, deshalb stellen sie seine systematischen Fehler auch nicht infrage, schreiben den Code nicht neu.

So ansprechend es auch klingen mag, das BGE ist nichts anderes als eine Möglichkeit für Unternehmen, ihre Macht über uns zu stärken, alles unter dem Vorwand, uns Geld zu geben. Es ist die Süßigkeit, die ein Verbrecher einem Kind anbietet, damit es in das Auto steigt, oder die Gehaltserhöhung, die ein mieser Arbeitgeber einer Mitarbeiterin bewilligt, die er vorher sexuell belästigt hat. Es ist Schweigegeld.

Was die Firmen statt eines BGE tun könnten

Wenn die guten Leute von Uber oder einem anderen ausbeuterischen Digitalunternehmen die Wirtschaft wirklich zum Vorteil aller umprogrammieren und dafür sorgen wollen, dass sie weiterhin wohlhabende Kunden haben, sollten sie zunächst ihre eigenen Betriebssysteme optimieren. Statt die Regierung aufzufordern, sehr niedrige Löhne aufzustocken, könnten sie die Arbeitnehmer zu Eigentümern ihres Unternehmens machen. Statt beispielsweise zehn Prozent mehr Steuern in einen staatlichen BGE-Fonds zu zahlen, könnten sie ihren Arbeitskräften einen Anteil von zehn Prozent am Unternehmen anbieten. Oder zehn Prozent den Städten geben, die dafür sorgen, dass es Straßen und Ampeln gibt. Nicht nur ein Schmiergeld oder eine Steuer, sondern eine Beteiligung an der Gesellschaft.

Ob seine Befürworter zynisch oder einfach naiv sind, das BGE löst unsere Probleme nicht. Wöchentliche Almosen fördern weder die wirtschaftliche Gleichberechtigung noch geben sie den Menschen mehr Macht innerhalb des Wirtschaftssystems. Es gibt nur eine Möglichkeit, wie wir das Wirtschaftssystem wirkungsvoll verändern können: Wir sollten die Menschen die Welt, in der sie leben, gestalten lassen.

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